Weder digital noch hybrid sondern mitten im Leben – 13. FISAT-Technikseminar
®  in Celle

Danke an alle, die in diesem Jahr am 24. und 25. September nach Celle gekommen sind. Die Wochen der Vorbereitung waren für uns eine emotionale Achterbahnfahrt, da das jährlich stattfindende FISAT-Technikseminar für uns doch weitaus mehr darstellt, als bloß eine Tagung oder eine Fachkonferenz – zumal wir 2020 unsere Fachveranstaltung schon einmal pandemiebedingt absagen mussten.

Es war uns auch in diesem Jahr wichtig, eine Fachveranstaltung auf hohem fachlich-inhaltlich Niveau – verbunden mit einem minimalen Gesundheitsrisiko für alle Angereisten – auf die Beine zu stellen. Erfreulicherweise zog unsere Einladung die maximal mögliche Zahl von 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in die niedersächsische Kreisstadt Celle. Alle Aussteller konnten wie geplant anreisen.

Wie sich gezeigt hat, war das offenbar für die meisten Anwesenden die erste Veranstaltung mit Publikumsbeteiligung nach langen Monaten mit sehr stark limitierten Möglichkeiten, sich auf persönlicher Ebene zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu treffen. Das hat uns vom FISAT darin bestätigt, dass sich der unbestritten höhere planerische und organisatorische Aufwand, auch wenn es einige Einschränkungen gab, auf alle Fälle gelohnt hat.

In vielen Teilbereichen, in denen Höhenarbeiterinnen und Höhenarbeiter tätig sind, wurde in den vergangenen Monaten fast uneingeschränkt weitergearbeitet. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDV) erklärte, dass man „glimpflich durch das Jahr 2020“ gekommen sei. Neben dem Neubau wird zukünftig auch die Nachrüstung und Verbesserung von Bestandsimmobilien eine große Rolle spielen. Gebäude werden über ihren gesamten Lebenszyklus betrachtet werden. Nachhaltigkeit und Klimaneutralität sind die Stichworte, Kohlendioxid-Einsparung eine Art neue Währung. Natürlich müssen Anlagen und Bauwerke nicht nur errichtet, sondern auch gewartet und instand gehalten werden. Eine Chance für spezialisierte Unternehmen, die sich flexibler und alternativer Zugangsverfahren bedienen.

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Das Programm am ersten Tag

Neben planerischen Ansätzen und theoretischem Hintergrundwissen ist uns im Rahmen des FISAT-Technikseminars der Praxisbezug besonders wichtig. Beispiele aus eben dieser praktischen Umsetzung und eine differenzierte Betrachtung von eingesetztem Material standen daher auch in 2021 auf dem Programm.
Durch die zweitägige Veranstaltung führte in diesem Jahr erstmals ein Moderationsteam. Ulla Lohmann, Expeditionsfotografin und -filmerin, und Camillo F. Kluge, Chefredakteur des Fachmagazins ARBEITSSCHUTZ ABER SICHER! unseres Medienpartners SZwei Verlag.  

Eric Kuhn, Präsident des FISAT, begrüßte alle Angereisten nach erfolgreichem Check-in auf das Herzlichste. Den Auftakt im großen Saal bildete Prof. Dr.-Ing. Marco Einhaus, BG BAU, mit dem Thema „Bauprodukte vs. Persönliche Schutzausrüstung – normative und praktische Abgrenzung“. Marco Einhaus vertiefte dabei unter der Prämisse „Abstürze verhindern – um jeden Preis“ folgende grundlegende Gedanken: Wie können prinzipiell Produkte zur Absturzsicherung, die am Bauwerk verbleiben, sinnvoll geplant, während des Baus installiert und später geprüft werden. Welche normativen Grundlagen existieren und wohin geht der Trend?
Als zweiter Redner umriß der selbstständiger Meister im Gebäudereinigerhandwerk und Fachwirt Facility Management Christian Rappsilber das „Facility Management als ganzheitlichen Ansatz“. Da er neben dieser beruflichen Qualifikation auch FISAT-zertifizierter Seilzugangstechniker ist, kann er seinen Kunden ein breites Portfolio an Dienstleistungen auch bei erschwerten Zugangssituationen anbieten. In seinem Beitrag ging er jedoch ganz explizit auf den ganzheitlichen Ansatz des Facility Managements für den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks ein. Er arbeitete dabei vielschichtigen Anforderungen heraus und setzte sich im Rahmen seines Vortrags mit dem Motto „mehr als nur Hausmeister“ auch dafür ein, das ein oder andere falsche Vorurteil aus der Welt zu schaffen.

Die folgenden drei Vorträge waren alle thematisch mit der Realisierung äußerst ambitionierter Architektur in der Mitte Berlins verbunden: 2020 wurde der Neubau des Axel Springer Gebäudes nach dreijähriger Bauzeit beendet. Der schwarz-goldene Kubus mit seiner eindrucksvollen Glaswabenfassade – vom niederländischen Star-Architekten Rem Koolhaas und dessen Office for Metropolitan Architecture Team (OMA) erdacht – ragt inmitten des alten Berliner Zeitungsviertels elf Stockwerke in die Höhe.

Jeweils aus der Sicht des planenden Ingenieurs, der Hersteller von Absturzsicherungssystemen bzw. Anschlageinrichtungen sowie des ausführenden Seilzugangstechnik-Unternehmens bei der Umsetzung und Wartung anspruchsvoller Architektur betrachtet, konnten von allen im Auditorium die gemeinschaftlich erarbeitetet Lösungen nachvollzogen werden.

Beginnend mit dem Vortrag von Dipl.-Ing. (FH) Markus Füss, HOCHSICHER Ingenieurbüro, „Systemlösung Zugangstechnik – Reinigungs- und Wartungskonzept im Axel-Springer-Neubau“ wurde die spartenübergreifende Zusammenarbeit bei der Lösung der Umsetzung des Projekts beleuchtet. Denn „anspruchsvolle Architektur“ verlangt gründliches Nachdenken, teamübergreifende Zusammenarbeit und bleibt anspruchsvoll von der Bauausführung bis zum Facility Management: Im Sinne der Branche war und ist dies ein richtungsweisendes Projekt. Nicht nur weil im Lauf der Entwicklung zumindest in Teilen die seiltechnische Gretchenfrage beantwortet werden musste: „Was ist ein sichereres Arbeitsmittel als Zugangs- und Positionierungsverfahren und wie ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit jeweils aufs Neue zu beurteilen?“ Dass dies nicht nur vor dem Bauherrn, sondern auch gegenüber staatlichen Stellen argumentiert werden musste, machte es mit Sicherheit nicht einfacher.

Auch den zweiten Part übernahm Markus Füss – stellvertretend für Peter Radner, den kurzfristig verhinderten Leiter die Niederlassung Deutschland der INNOTECH Arbeitsschutz GmbH. Die „Konzeption eines Schienensystems – Planung, Herausforderung und Umsetzung“ beantwortete wichtige Fragen der Vorteile des installierten Seilzugangssystems gegenüber dem Einsatz einer eigenentwickelten Hubarbeitsbühne. Ohne ein Schienensystem, welches sich der außergewöhnlichen Architektur anpasst und dreidimensional geformt durch das Atrium verlegen lässt, wäre das Reinigungs- und Wartungskonzept, so wie es jetzt umgesetzt wurde, überhaupt nicht an allen Punkten im Raum möglich. Um das auf dem Markt etablierte TAURUS-Schienensystem in dieser Art verwenden zu können, waren jedoch einige planerische und konstruktive Herausforderungen zu bewältigen.

Als dritter Redner rundete Dipl.-Ing. (FH) Martin Binder, LUX-top Absturzsicherungen, das Gesamtbild dieses Projekts aus der Sicht eines beteiligten Herstellers von Absturzsicherungen ab – ein weiterer Baustein für eine sichere Systemlösung im Axel-Springer-Neubau. Unter dem Titel „Anschlageinrichtungen für Personen und Lasten – von der Sonderanfertigung zum Serienteil“ konnten die Zuhörer in der Rückschau nachvollziehen, wie es zur Entwicklung eines neuen Produktes kam, welches das Projektteam des Unternehmens schnell, sicher und wirtschaftlich entwickeln konnte. Inzwischen ist aus der Sonderlösung für dieses Projekt übrigens ein Serienteil geworden, das in Verbindung mit Seilzugangstechnik sicher angewendet wird.
Zwei Praxisbeiträge waren im Mittagsblock des ersten Veranstaltungstages integriert: An der Teststation/Zugversuche am PETZL-Stand hatten alle Teilnehmer die Möglichkeit, selbst mitgebrachtes Material testen zu lassen und die Ergebnisse mit den Experten vor Ort zu diskutieren. Hierbei ging es nicht um Produkthaftung und Unternehmerverantwortung – rechtliche Fragen können in diesem Rahmen nicht geklärt werden – sondern um die schlichte Befriedigung der eigenen Neugier unter dem Motto „Was hält es denn noch?“.

Im großen Saal gab es die Praxisdemonstration „Arbeitsgerät als Teil der Systemlösung“ durch die Mittelmann Sicherheitstechnik GmbH & Co. KG zu sehen. Das Abseil- und Rettungsgerät UniDrive ist kein klassisches Abseilgerät für die Seilzugangstechnik. Warum es als Bestandteil des Wartungs- und Reinigungskonzeptes im Axel-Springer-Neubau genutzt wird, erfuhren wir bereits im Vortrag von Markus Füss. Eine praktische Demonstration der Eigenschaften erfolgt durch Mitarbeiter der Mittelmann Sicherheitstechnik GmbH.
Nachmittags vermittelte Felix Mollenhauer vom Bundesverband GebäudeGrün e.V. interessante Einblicke in den Bereich der Dach- und Fassadenbegrünung. Als Referent für Projektarbeit beim Bundesverband GebäudeGrün e.V. befasst er sich mit sämtlichen Zukunftsperspektiven der Gebäudebegrünung in Deutschland. Anhand von Praxisbeispielen stellte Felix Mollenhauer verschiedene Formen der Dach- und Fassadenbegrünung vor, erläuterte die notwendige Planungsgrundlagen und positive Wirkungen und ging auf die Besonderheiten von Pflege und Wartung ein.

Das beeindruckende Finale des Tages gehörte dann ganz Ulla Lohmann und ihrem Partner Basti Hofmann. Unter dem Motto „Expedition in den Vulkan“ blickten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des FISAT-Technikseminars zusammen mit Ulla Lohmann über den Tellerrand – in diesem Fall über den Kraterrand. Die Geologin und Expeditions-Fotografin hat unter anderem für GEO, National Geographic, die ARD und die BBC Expeditionen begleitet. Als erste Menschen überhaupt seilten Sie und ihr Partner Basti Hofmann 600 m in einen aktiven Vulkan ab. Neben der Präsentation spektakulärer Film- und Fotoaufnahmen legte die sympathische Abenteurerin auch dar, wie eine Expedition in Hinblick auf Logistik und Sicherheit für alle Beteiligten geplant wird, wann der Zeitpunkt zum Abbruch ist und unter welchen Umständen eine solche vorzeitige Umkehr positive Entwicklungen auslösen kann.

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Der zweite Tag in Celle

Den Tag startete der Baumpfleger Peter Dehlinger mit einem Vortrag zum Thema „Einfluss auf Wohlbefinden und Sicherheit durch den Einsatz von Funkgeräten“. Aus der eigenen praktischen Erfahrung heraus, gepaart mit einem wissenschaftlichen Ansatz im Rahmen seiner Bachelorarbeit (Arboristik) hat sich Peter Dehlinger dem Einsatz von Funkgeräten gewidmet. Neben der rein technischen Betrachtung ging es ihm jedoch primär um die Auswirkungen auf Sicherheit und Wohlbefinden der Benutzer als Individuum und im gesamten Team. Letztendlich muss der Einsatz von Funkgeräten, wie jede andere Maßnahme des Arbeitsschutzes auch, hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen mit anderen Bestandteilen des Arbeitssystems betrachtet werden und eine individuelle Entscheidung getroffen werden. Sein Fazit: Kommunikation über Funk erleichtert den Arbeitsalltag, selbst wenn die Rahmenbedingugnen dies nicht zwingend erfordern.

Philippe Westenberger, EDELRID GmbH & Co. KG setzte sich in seinem Vortrag „Schnittschutz von Seilsystemen“ mit einem kniffligen Thema auseinander, da es bislang noch kein etabliertes, herstellerübergreifend vergleichendes Procedere für eine Prüfung gibt bzw. ganz schlicht eine entsprechende Vorrichtung oder normative Apparatur dafür fehlt. Als Leiter der Produktabteilung und des Produktionsmanagements bei EDELRID befasst sich Philippe Westenberger intensiv mit der Entwicklung und Prüfung von Seilen. Da die Schnittfestigkeit ein sicherheitsrelevantes Maß darstellt, hinterfragte der begeisterte Bergsportler nicht nur aus beruflichen Gründen, ob diese in eine Normprüfung implementiert werden kann und soll.

Hartmut Hardt, Rechtsanwalt VDI, hat sich auf Betreiberrecht, Ordnungswidrigkeitenrecht und Haftungsrecht spezialisiert und ist als Rechtsanwalt seit 1997 in der eigenen Kanzlei tätig. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er als Berater für Betreiberverantwortung im Facility Management. In seinem Vortrag hinterfragte er ganz direkt: Bis wohin geht denn nun die Verantwortung des Betreibers?

Im Rahmen des FISAT-Technikseminars 2017 hatten wir erstmalig eine Spendenaktion durchgeführt, eine Idee, die in den Folgejahren dankenswerterweise von Mitgliedern und Ausstellern aufgegriffen wurde. Aus der Region Hannover hatten sich 2021 die FISAT-Mitgliedsunternehmen Redlin PSA- und Klettershop, Redlin Seil- und Sicherheitstechnik sowie Seiltechnik-Hannover zusammengetan und sammelten mit einer Tombola für ein Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes »Der Wünschewagen – Letzte Wünsche wagen« insgesamt 2.500 Euro ein – ein bemerkenswertes Ergebnis. Durch den »Wünschewagen« wird es möglich, schwerstkranken Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein Herzenswunsch zu erfüllen.

Zum Abschluss des Seminars wurde es noch einmal (Seil-)Technisch gepaart mit einer Prise Philosophie und gesundem Menschenverstand. Christian „Puk“ Kruck, DMM International Ltd., und Knut Foppe, Ingenieurbüro Saferope, stellten in ihrem gemeinsamen Vortrag „Riggingplatten und die Sicherheit des Gesamtsystems“ die Frage „Komplizierte Redundanz vs. Sicherheitszugewinn durch Simplizität“ in den Raum. Neben einem Einblick in die Fertigungsmethoden von Riggingplatten bei DMM in Wales, wurden Anwendungsgebiete, Grenzen und Wechselwirkungen mit anderen Systembestandteilen thematisiert. Besonders die Sinnhaftigkeit der viel zitierten „Redudantitis“ wurde detailliert beleuchtet. Ihre Fragen: Was „kann“ eine Riggingplatte wirklich? Und wo ist die Schwachstelle bei einem komplexen Aufbau?

Unser Dank gilt dem gesamten Team der CUC, allen Referentinnen und Referenten, den Ausstellern, Förderern und Partnern für die große Unterstützung und an alle angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das überwältigende, positive Feedback.

Wir freuen uns, Sie alle beim 14. FISAT-Technikseminar® im Oktober 2022 in Berlin begrüßen zu können.

Alle registrierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des FISAT-Technikseminars haben ab dem 20. Oktober 2021 hier die Möglichkeit, sich unter Verwendung ihres persönlichen Zugangscodes die Vorträge als Pdf zur persönlichen Verwendung herunterzuladen.

 
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